Wenn die Gegenseite in Kyiv, Lwiw oder Odessa sitzt, reicht ein Standardvertrag nicht. Eine Checkliste für Vertragsklauseln, die unter Kriegs- und Sanktionsbedingungen tatsächlich funktionieren.
Verträge mit ukrainischen Gegenparteien funktionieren rechtlich grundsätzlich wie andere internationale Verträge. Die Praxis zeigt jedoch, dass typische Schweizer Musterklauseln aus 2019 unter den Bedingungen seit 2022 oft nicht mehr greifen — insbesondere bei Zahlungswegen, Sanktionsrisiken und Eskalationsverfahren.
Korrespondenzbanken: nicht eine, sondern drei
Statt eine Korrespondenzbank zu vereinbaren, definieren wir aktuell eine geordnete Substitutionskette — Primärbank EU, Sekundärbank Drittstaat, Tertiäroption mit Stundung und Verzinsung. Das ist nicht elegant, aber operativ. Wenn die primäre Bank ausfällt (Listing, Sanktion, geopolitische Friktion), schaltet die Zahlungsabwicklung automatisch auf die nächste vertraglich vereinbarte Stufe.
Schiedsklauseln
Moskau und Kyiv als Schiedsorte sind seit 2022 nur noch in Sonderfällen geeignet. Wir empfehlen aktuell Wien (VIAC), Genf, Stockholm (SCC) oder die Singapore International Arbitration Centre — je nach Sektor und Vollstreckungsfrage. Wichtig ist nicht nur der Sitz, sondern auch die Vollstreckbarkeit des Schiedsspruchs in den Jurisdiktionen, wo die Gegenpartei Vermögenswerte hält.
Vertragssprache
Zweisprachige Verträge (DE/UA oder EN/UA) sind Standard. Eine verbindliche Sprache muss klar bezeichnet sein — wir empfehlen Englisch als Verbindlichkeitssprache und Übersetzungen als nicht-verbindliche Lesehilfen, mit fallback auf den englischen Wortlaut bei Auslegungsfragen.
Sanktions-Sanity
Vor jeder Vertragsunterzeichnung läuft heute ein Screening der Gegenparteien gegen SECO-, EU-, OFAC- und UK-Sanktionslisten. Eine Klausel zur fortlaufenden Compliance-Pflicht plus Recht zur sofortigen Vertragsbeendigung bei Listing gehört Standard. Wir formulieren sie so, dass sie operationell und nicht nur deklaratorisch wirkt — mit konkreten Trigger-Ereignissen und Rechtsfolgen.
Force-Majeure-Neuformulierung
Klassische Force-Majeure-Klauseln aus 2019 nennen Krieg und Sanktionen oft pauschal. 2026 reicht das nicht — wir präzisieren, welche Ereignisse welche Vertragsfolgen auslösen (Lieferaufschub, Preisanpassung, Vertragsbeendigung) und in welcher Reihenfolge. Wer das offen lässt, landet bei jeder Eskalation im Schiedsverfahren.
Logistik und Erfüllungsort
Wenn Ware oder Dienstleistungen die Schweiz oder die EU verlassen müssen, sind Exportkontrollen und Doppelnutzung relevant. Wir prüfen die Güterlisten und vereinbaren bei kritischen Sektoren (Halbleiter, Maschinen, IT-Dienste) klare Eskalationsprotokolle, wenn eine Exportlizenz verzögert oder verweigert wird.
Lessons learned
Bei jedem Mandat lesen wir die Originalverträge — auf Russisch oder Ukrainisch, ohne Dolmetscher. Das spart Zeit und entdeckt Klauseln, die in der Übersetzung untergehen würden. Häufige Stolpersteine: abweichende Zinsregeln, stillschweigende Garantien gegenüber Schweizer Recht, und Schiedsklauseln, die auf nicht mehr existierende Schiedsgerichte verweisen.